Was ist Faschismus?

Faschismus ist keine geschlossene Ideologie. Es gab in der Geschichte verschiedene Faschismen, die sich ihrerseits aus der Bündelung unterschiedlicher, teilweise sogar gegensätzlicher Strömungen in Abhängigkeit von bestimmten historischen Bedingungen entwickelten. Es lässt sich allerdings so etwas wie ein gemeinsamer Kernbestand faschistischer Weltanschauungen ausmachen:

Ziel und Mittelpunkt faschistischer Bestrebungen ist immer ein reakionär-utopisches Vergemeinschaftungsmodell kleinbürgerlichen Zuschnitts in Gestalt der mythischen Überhöhung und Idealisierung eines als organisch-naturwüchsig und bei aller inneren Differenziertheit und Hierarchisierung wesensmässig homogen vorgestellten fiktiven Kollektivs: das „Volk“ und die „Volksgemeinschaft“.

Dieser mythische Volksbegriff impliziert eine doppelte identitätsbildende Feindbildbestimmung:

Zum einen die Abgrenzung nach außen, gegen andere „Völker“, die mit dem eigenen „Volk“ als nicht dazugehörige äußere Feinde in einem Konkurrenzkampf stehen.

(Diese Feinderklärung nach außen kann sich auch nach innen richten, nämlich gegen alle, die sich einer Beteiligung am Kampf ihres „Volkes“, z.B. aus politischen Gründen, entziehen: diese erscheinen nämlich automatisch als objektive Agenten des Feindes im Inneren, die bekämpft werden müssen).

Zum anderen eine zwiefache Abgrenzung nach innen: einerseits nach oben, andererseits nach unten (hier offenbart sich der kleinbürgerliche Ursprung der faschistischen Vorstellungswelt):

Nach oben gegen „die Herrschenden“, die „Etablierten“, die „das Volk“ unterdrücken, und nach unten gegen vermeintlich nicht integrationswillige oder „von Natur aus“ integrationsunfähige Elemente, die die „Volksgemeinschaft“ belasten und ihre Homogenität gefährden. Die „Volksgemeinschaft“ konstituiert sich also über die Ausgrenzung vermeintlich „volksfremder“ oder „volksfeindlicher“ Elemente von oben und unten, die nicht dazu gehören: einerseits die herrschenden Eliten teils als vom „Volk“ losgelöste, egoistische Interessen verfolgende, „entwurzelte“ Kaste, teils als fremde, international organisierte Gruppe (wie die „internationale Hochfinanz“), andererseits die Unangepassten und Asozialen teils als degenerierter, „entarteter“ Bodensatz der Gesellschaft (z.B. sogenannte „Sozialschmarotzer“ oder auch sexuelle Minderheiten), teils als von Außen eingedrungene Fremdkörper (z.B. Migranten).

Dieses „völkische“ Vergemeinschaftungskonzept manifestiert sich in der Regel folgerichtig in entsprechenden Grundhaltungen wie Nationalismus, Rassismus, Elitenfeindlichkeit / Populismus, Antisemitismus.

Faschismus wird oft fälschlich reduziert auf Diktatur bzw. autoritäre Herrschaft.

Dieser verkürzte Faschismusbegriff blendet die entscheidende Tatsache völlig aus, daß der Faschismus in allen seinen historischen Erscheinungsformen immer mit einem emanzipatorischen, sozialrevolutionären Anspruch aufgetreten ist. Allerdings ging und geht es im Faschismus immer um eine völkisch-kollektive „Befreiung“ vom schädlichen Einfluß der inneren und äußeren Feinde.

Individuelle Freiheiten oder pluralistische Demokratiekonzepte haben in dieser Vorstellungswelt keinen Platz. Die faschistische „Volksbefreiung“ bzw. „Volksherrschaft“ ist totalitär, d.h. sie strebt nach einem Ideal von „Demokratie“, das sich in einer Einheit von „Volkswille“ und Herrschaft realisieren soll, also letztlich in der totalitären Identität von Staat und Gesellschaft.

Der Faschismus geht über den autoritären (aber eben nicht totalitären) Nationalismus hinaus, indem er ihn mit einem sozialrevolutionären Anspruch verbindet. Sein Emanzipationskonzept zielt aber lediglich auf die Befreiung des „völkischen“ Kollektivs von „fremden“ Einflüssen (wie schon beschrieben durch die Abwehr nach außen und innen, oben und unten) und hat mit linken emanzipatorischen Bestrebungen nichts zu tun, die die Ausbeutung, Verdinglichung und Entfremdung erzeugende Logik der Warenproduktion grundsätzlich in Frage stellen und von einem universalistischen Emanzipationsbegriff ausgehen, für den gesellschaftliche und individuelle Befreiung nicht voneinander zu trennen sind und der über jede völkische oder nationale Abgrenzung hinausgeht.

Gerade dadurch, daß er das Bedürfnis nach sozialer Emanzipation völkisch-nationalistisch umdeutete und seine Erfüllung in der Errichtung eines totalitären, protektionistischen, nationale Interessen kriegerisch-aggressiv vertretenden Wohlfahrtsstaates vorgaukelte, empfahl sich ja der historische Faschismus den Vertretern des nationalen Kapitals als Bündnispartner und Bollwerk gegen den Marxismus.

Der Anspruch des Faschismus, eine Synthese von rechts und links zu sein, ist selbstverständlich eine Fiktion und der Mythos von der „Volksgemeinschaft“ ist die Vergegenständlichung dieser Fiktion, durch die die Realität gesellschaftlicher Interessengegensätze vernebelt wird.

Quelle:
http://www.antifaschismus2.de/argumente/gegenargumente/256-was-ist-kryptofaschismus