"Friedensfreunde"

von Henner Rödiger

Ok. Ich habe mich heute (mal wieder) in eine politische Diskussion im Internet verstrickt. Thema: Die "Friedensbewegung 2014" und ihre Montagsdemos. Ort: Die Facebook-Seite von Jutta Ditfurth, die ja eine der ersten war, die Kritik an dieser "Bewegung" geäussert hat, und die seitdem von einem massiven "Shitstorm" seitens der "Friedensfreunde" überzogen wird.

Dort habe ich mich also heute mit ein paar dieser "Friedensfreunde" inhaltlich auseinander gesetzt. Und bin im Anschluss angeschrieben und gefragt worden, ob ich meine Beiträge in dieser Diskussion nicht nochmal als eigenen Text zusammenstellen und posten könne, so zum weiterverbreiten und so. Das habe ich dann jetzt mal getan, und hier ist das Resultat.

Dies ist nicht als umfassende Kritik gemeint, sondern hat sich im Lauf der erwähnten Diskussion einfach so ergeben, oft in direktem Bezug auf Gegenargumente und Nachfragen der anderen Beteiligten. Ich habe versucht, das jetzt in einen zusammenhängenden Text zu fassen, so gut es eben ging. Die ursprüngliche Diskussion ist hier nachzulesen (wobei es den Anschein hat, dass einige Beiträge der anderen Seite mittlerweile gelöscht wurden): https://www.facebook.com/Jutta.Ditfurth/posts/493220974140859

Jutta Ditfurth leistet in ihren Publikationen seit vielen Jahren eine sehr fundierte und komplexe Kapitalismuskritik. Sie ist ausserdem seit über 30 Jahren im ausser-parlamentarischen Widerstand gegen das kapitalistische System, gegen Krieg, Ausbeutung und Umweltzerstörung aktiv. Und sie beschäftigt sich eben so lang mit der extremen Rechten und deren Ideologie.

Sie hat eine völlig berechtigte Kritik an der inhaltlichen Ausrichtung der Montagsdemos und ihrer Haupt-Akteure formuliert, und diese auch begründet. Niemals hat sie alle Teilnehmer an den Demos über einen Kamm geschert oder gar (als rechtsradikal oder "Nazis") "diffamiert". Das haben nur genau diese Vorredner der "Bewegung" ihren Anhängern suggeriert, und die haben das unhinterfragt gefressen und laufen seitdem Amok gegen Jutta.

Dabei war doch gerade die Motivation ihrer Kritik, jene Demo-Teilnehmer zu erreichen, die eben eigentlich nicht rechts sind, die sich normalerweise sofort gegen Nazis abgrenzen würden, die aber etwas politisch naiv nun bei einem Projekt mitlaufen, dass zum Teil offen rechte Positionen vertritt, zum Teil zumindest nach rechts anschlussfähig ist.

Herr Elsässer und sein Compact Magazin zum Beispiel sind in der Linken einfach schon lange als Querfront-Projekt bekannt, wo eben genau versucht wird, die Unzufriedenen, Frustrierten und Wütenden sowohl von links als auch rechts einzusammeln, im Kampf vereint gegen "den US-Imperialismus" und "das internationale Finanzkapital". Diesem Querfront-Projekt hat sich die Linke bewusst verweigert, und das finde ich auch richtig so.

Und ich sehe bei der inhaltlichen Ausrichtung der Montagsdemos einen ähnlichen Ansatz und eine ähnliche Stossrichtung wie bei Elsässer. Ist ja kein Zufall, dass dem diese "Bewegung" so gut gefällt, und dass er sich da eingeklinkt hat.

Von jemand anders vorher in der Diskussion gepostet, aus Elsässers Rede auf der Montagsdemo in Berlin, 21. April 2014: "Das eine Prozent ist die internationale Finanzoligarchie, die die 99 Prozent, darunter Arbeiter, Arbeitslose, Elende und auch viele Unternehmen und Firmen in ihrer Zinsschlinge erwürgt und erdrosselt. (...) Warum soll es Antisemitismus sein, wenn man darüber spricht, wie diese winzig kleine Schicht von Geld-Aristokraten, die Federal Reserve benutzen, um die ganze Welt ins Chaos zu stürzen? (...) Am Schluss glauben die an keinen Gott, an keinen Allah und an keinen Jahwe - die huldigen nur dem einen Götzen: dem kalten Mammon. (...) Heute haben wir supranationale Gelddynastien - und diese Dynastien (...) stehen gegen die große Masse des Volkes. Das Volk blutet und wehrt sich."

Dieses Zitat ist ein Paradebeispiel für die Unterteilung in "böses raffendes" Finanzkapital und "gutes schaffendes" Kapital. Und dieses Konzept, diese Unterteilung ist klassische NS Ideologie, stammt also aus der Propaganda & dem Programm der NSDAP unter Hitler.

Das "raffende" Kapital stand hierbei für das Finanzkapital, dass damals auch gern beschrieben wurde als ein "Parasit", der den Völkern des "Lebensblut" aussauge. Diesem "raffenden" Kapital wurde das "schaffende" Kapital gegenüber gestellt, also der Bereich der Produktion (Industrie, Handwerk, etc.).

Das Industrie-Kapital war bei den Nazis positiv besetzt, da es Waren & Güter produziert ("schafft") und Menschen Arbeitsplätze gibt, während das böse "raffende" Kapital Gewinne & Profite jenseits der eigentlichen Produktion einstreicht, zum Beispiel durch Kredite & darauf erhobene Zinsen.

Diese Unterteilung ist zunächst mal ziemlich grosser Unfug, da das sogenannte "schaffende" Kapital ohne dieses "raffende" Kapital gar nicht funktionieren würde. Beide Teile gehören zusammen, Industrie- & Handwerksunternehmen, klein und gross, nehmen ständig Kredite auf, um zu investieren, expandieren, etc. Die Probleme des kapitalistischen Systems allein auf den Finanzsektor zu projizieren ist also eine verfehlte und verkürzte Sichtweise.

Aus linker Sicht ist besonders kritikwürdig, dass hierbei sämtliche Ausbeutungs- & Unterdrückungsverhältnisse innerhalb des warenproduzierenden Teils des kapitalistischen Systems ausgeblendet werden. Unmenschliche Arbeitsbedingungen und Hungerlöhne, Zerstörung der Umwelt, der ständige Konkurrenzkampf auf allen Ebenen (zwischen Firmen um Marktanteile, zwischen Nationen um Zugang zu Ressourcen, zwischen Arbeitnehmern um die zur Verfügung stehenden Arbeitsplätze, ...) sind nicht verschuldet vom Finanzsektor. Dieser ist lediglich ein Teilbereich des kapitalistischen Gesamtsystems, der sicherlich zu kritisieren ist, aber nicht als Sündenbock und Ursache allen Übels in der Welt.

Auch Jutta Ditfurth übt Kritik am Finanzsektor, an Spekulationsgeschäften der Banken, an den Bankenrettungen, etc. Aber ihre ist eben eine Kritik, die dort nicht halt macht, sondern weiter geht und die Produktions- & Eigentumsverhältnisse im Kapitalismus kritisiert, die Prinzipien von Konkurrenz und Profit, usw.

Bei den Nazis war der Finanzsektor zudem "jüdisch kontrolliert". Das ist das klassische antisemitische Stereotyp vom "Geldjuden", das verbunden mit den Verschwörungstheorien wie der "Protokolle der Weisen von Zion" dann das Bild der jüdischen Verschwörung zur Kontrolle der Welt, der Unterdrückung und Ausbeutung aller Völker ergab. Gegen diese jüdische Verschwörung riefen die Nazis dann zum Kampf auf mit Parolen wie "Deutschland erwache". Klingt bekannt ?

Kleiner Einschub, nur um das nochmal klarzustellen: Es wird hiermit nicht allen Teilnehmern der Montagsdemos unterstellt, dass sie das Finanzkapital als "jüdisch kontrolliert" sehen. Es wird lediglich auf offensichtliche Schnittmengen mit rechtem Gedankengut hingewiesen, wo dann eben auch die extreme Rechte andocken kann.

Dies zeigt sich ja auch in den Kommentarspalten diverser Webseiten, wo sich der "Shitstorm" der "Friedensfreunde" in den letzten Wochen austobt: Ehrliche naive Empörung (man sei nicht rechts) mischt sich mit offen rechten und antisemitischen Posts (über die Macht der Rothschilds, die Zionisten Lobby, den Gutmenschen-Meinungsterror, die Scheiss Linken, Holocaust-Relativierungen, etc. etc.). Und den Leuten scheint das irrsinnigerweise echt nicht aufzufallen, mit wem sie dort Schulter an Schulter rumkrakeelen.

Ähnlich verhält es sich mit dem Themenkomplex "Anti-Imperialismus": Jutta Ditfurth kritisiert die US-amerikanische Aussenpolitik regelmässig, aber als Deutsche richtet sie ihr Augenmerk eben vor allem auch auf die Machenschaften der eigenen Regierung, die selber imperialistische Politik im Interesse des deutschen Kapitals betreibt.

Für Elsässer & Co hingegen gilt: Imperialismus = Amerika, und Deutschland ist selbst nur ein Opfer, eine Marionette, oder gar ein nicht souveränes und besetztes Land. Dementsprechend ist Elsässers Antwort zum Thema Imperialismus dann eben auch ein nationalistisch aufgeladener Anti-Amerikanismus, der Traum von einem selbstbewussten starken Deutschland, das sich gegen die bösen USA stellen soll. Was auch erklärt, warum ein autoritäres Arschloch wie Putin, der selbst imperialististische Politik und Kriege führt, in dieser Szene als "starker Mann des Volkes" gefeiert wird, der den Mumm hat, gegen das böse Imperium aufzustehen.

Auch das ist wieder alles ziemlich deckungsgleich mit dem, was in der extremen Rechten inhaltlich so abgeht. NPD & Kameradschaften organisieren Demos gegen "US Imperialismus" und für die "Selbstbestimmung der Völker". Und das ist auch nicht vorgetäuscht, um neue Anhänger zu "fischen", sondern das ist genau so tatsächlich deren Ideologie.

Gegen all das grenzt sich Jutta Ditfurth in ihrer Rede auf der Revolutionären 1.-Mai-Demo in Berlin klar und deutlich ab. Aber scheinbar reicht bei vielen Leuten das politische Grundlagenwissen überhaupt nicht, um ihre Kritik zu verstehen, oder um die Unterschiede zwischen einer Ditfurthschen und einer rechten Kapitalismuskritik zu sehen.

Jeder, der sich etwas intensiver mit der Ideologie und Propaganda der extremen Rechten beschäftigt, kann die Querverbindungen und Anknüpfungspunkte sehen, die die inhaltliche Ausrichtung der Montagsdemos bietet. Und wenn man das anspricht und kritisiert, wird man damit nicht automatisch zum Kriegsbefürworter oder "System-Troll".

Einer der Kritikpunkte an den Montagsdemos ist, dass komplexe gesellschaftliche Verhältnisse brutal vereinfacht (Geldsystem, Zins & Zinseszins sind die Ursache aller Probleme der Welt) und personifiziert (Amerika -> FED -> Rothschild) werden, und dass da schlichte Feindbilder aufgebaut werden, anstatt die gesellschaftlichen Strukturen und Mechanismen zu analysieren und beschreiben, die ursächlich hinter der ungleichen Verteilung von sowohl Reichtum als auch Macht stehen.

Es gibt keinen "Feind", der irgendwo "sitzt" (in den Banken, den Chefetagen, den Regierungen). Der "Feind" ist das kapitalistische System selbst, und seine gnadenlose alles durchziehende Logik. Selbst der Top-Manager eines multinationalen Konzerns kann doch nicht machen, was er will, sondern unterliegt in all seinem Handeln genau dieser (Profit-)Logik. Das gleiche gilt für Regierungen.

Eine solche "verkürzte" Kapitalismuskritik ist ja nun erstmal kein grosses Problem, wenn man neu anfängt, sich mit solchen Fragen zu beschäftigen. Niemand kann da gleich die völlig durchdachte und konsequent zu Ende geführte Analyse abliefern.

Dann aber auch bitte nicht so tun, als hätte man die Weisheit mit Löffeln gefressen und es "voll geblickt", weil man sich gerade mal ein paar YouTube Videos zum Thema angesehen hat, und dann noch andere Leute als "Systemlinge" und "Schafe" und schlimmeres beschimpfen, die sich seit Jahren inhaltlich mit genau so Fragen beschäftigen und dabei eben eine etwas komplexere Sicht der Dinge entwickelt haben.

Was ich zugeben würde, ist ein offensichtliches Kommunikations- & Vermittlungsproblem unseres Standpunktes und unserer Kritik an der inhaltlichen Ausrichtung der Montags-Demos. Das liegt aber nur zum Teil an uns. Vielen Teilnehmern der Demos scheint ja jede Bereitschaft zu fehlen, diese Kritik überhaupt erstmal zuzulassen, geschweige denn, sie inhaltlich nachzuvollziehen und sich mit ihr auseinander zu setzen.

Soweit dann erstmal an dieser Stelle. Wie gesagt ist dies nicht als umfassende Kritik gemeint, sondern hat sich im Lauf der erwähnten Diskussion so ergeben. Zum weiterlesen und besseren Verständnis der Kritik noch ein paar Links:

Eine linke/antifaschistische Betrachtung des Verschwörungstheoretiker-Sumpfs, der so auch auf Teile der Mahnwachen-"Bewegung" übertragen werden kann. Auch der Querfront-Aspekt zur old-school anti-imperialistischen Linken wird thematisiert (Antisemitismus, Antiamerikanismus, völkisches Denken): http://www.antifaschismus2.de/argumente/gegenargumente/256-was-ist-kryptofaschismus

Eine Zusammenfassung neurechter Kommunikationsstrategien, um rechte Inhalte salonfähig zu machen und Schritt für Schritt in die Mitte der Gesellschaft zu tragen, inkl. der Verwendung von Codes: http://schmetterlingssammlung.net/2013/04/16/kommunikationsstrategien-der-neuen-rechten-2/

Ein sehr lesenswerter Artikel zu Verschwörungsideologien allgemein (Geschichte, Hintergründe, Strukturen), in klarer Abgrenzung zu wirklicher Analyse gesellschaftlicher Strukturen aus linker Sicht: http://www.konicz.info/?p=971