Konstantin Wecker: "Gedanken zum Problemfeld 'Riss in der Friedensbewegung'" (24.04.2014)

Liebe Freunde,

Manchmal kann es notwendig werden, dem eigenen Verstand ein reset zu verpassen. Ich binin den letzten Tagen nachdenklich geworden. Sehr nachdenklich. Eigentlichwollte ich die Tage in Asien in Ruhe am Strand verbringen und Körper und Seeledie notwendige Auszeit verpassen. Nun aber brechen Ereignisse auf mich ein, diemich nicht zur Ruhe kommen lassen. Einmal die schreckliche Zuspitzung desUkrainekonflikts – und zum Anderen der Riss, der durch die Friedensbewegunggeht oder gezogen wird.

Ich habe mich eindeutig positioniert. Mit Antisemitismus will und werde ich michnicht gemein machen. Und in den Kommentaren, die wir hier und anderswo gelesenhaben, gab es leider eine ganze Menge offen oder verkappt antisemitischerAusfälle. Jutta Ditfurths Vorgehen wiederum mag man bewerten, wie man möchte,aber die massenhaften Mord- und Vergewaltigungsdrohungen, die sie abbekommenhat, sprechen eine deutliche Sprache, was für ein mieser Pöbel im Umfeld dieserMontagsdemos zumindest auch unterwegs ist. Und dafür habe ich überhaupt keinVerständnis.

Allerdings haben mich einige andere Kommentare geradezu angerührt. Meistens ging es dabeium die Hoffnung der Menschen, dass die Friedensbewegung sich nicht kaputtdividieren lassen solle, gepaart mit dem völlig richtigen Impuls, jetzt auf dieStrasse zu gehen, aktiv zu werden, die Veränderung nicht nur zu fordern,sondern zu sein. Das alles ist mir sehr sympathisch.

Bis vor wenigen Tagen kannte ich übrigens auch einen Herrn Jebsen gar nicht. Undeinige Kommentatoren, die ihn auf meiner Seite aggressiv in Schutz nahmen, ohnedass ich ihn überhaupt angegriffen hätte, haben mich – nun ja – verwundert.Andere klangen sehr vernünftig. Alles in allem schwankte der Tonfall der Jebsen-Verteidigervon unverschämt und beleidigend bis zu ehrlich um Verständnis nachsuchend undAufklärung erhoffend.

Vor einigen Tagen schrieb mir Jebsen selbst. Freundlich, fast freundschaftlich, under lud mich ein zu einem Interview für seine Seite. Ich gehöre nun definitivnicht zu den Menschen, die eine dargebotene Hand blind wütend ausschlagen. Aberich möchte auch wissen, mit wem ich es zu tun habe und meinen guten Namen nichtmissbrauchen lassen (und auch selbst entscheiden, für wen ich „Gastbeiträge“schreibe…).

Sicherlich, ich frage mich seit einigen Tagen auch, ob es da vielleicht nicht eineberechtigte Müdigkeit der jüngeren Generation gibt, was die ewigen Grabenkämpfeder Ideologen betrifft. Und ob ich selbst nicht vielleicht schon zu alt, zuunflexibel bin, um mich dieser neuen Herausforderung zu stellen. Und das,obwohl ich mich immer für einen sehr unideologischen Menschen gehalten habe.

Andererseits – hat nicht gerade das Alter vielleicht manchmal wenigstens den Vorteil,etwas weitblickender zu sein, weil man schon viel erlebt hat? Ich selbst sehemich jedenfalls nach wie vor am ehesten als Anarchisten, wenn es denn schon ein-Ismus sein soll. Und An-Archie heisst: Freiheit von Herrschaft! Für einesolidarische Welt ohne Kapitalismus, in der ein gleichberechtigtes, positivesZusammenleben von Menschen jeglicher Herkunft, Religion, Hautfarbe, Geschlecht,Identität, mit Respekt vor der Natur möglich wird…

Nach wie vor: diese Ziele bleiben mir heilig. Und dann findet sehr schnell eineUnterscheidung statt zwischen völkischen Ideologen und kritischenFriedensbewegten. Mit “Frieden für ein starkes Deutschland” kann man bei mirdefinitiv nicht punkten. Nicht in den 80ern und auch nicht heute. Und damalswaren mir übrigens auch jene Stalin-Linken sehr suspekt, die sowjetischeAtomraketen irgendwie viel besser fanden als amerikanische. Und was ist, frageich mich, wenn Ken Jebsen wirklich Unrecht widerfahren ist, wenn er diffamiertwird, zum Beispiel wegen einer Mail, die er, wie ich es dem Netz entnehmenkonnte, bestreitet geschrieben zu haben? Wie schnell ist das heute möglich!

Man sollte schon sehr, sehr vorsichtig sein, jemandem als “Antisemiten” zustigmatisieren. Nur sehe ich dann andererseits, dass Ken Jebsen seit geraumerZeit intensiv mit dem Herrn Elsässer kooperiert. Und das schreckt mich dannwieder ab. Denn dieser ehemalige Linke feiert von der AFD und der FPÖ bis zurBlocher-Partei in der Schweiz so ziemlich alles, was rechts ist. Er hattekürzlich eine unsägliche homophobe Konferenz zu verantworten, auf der diebrutale Verfolgung der Schwulen und Lesben in Putins Russland verharmlost undgerechtfertigt wurde. Seit Neuestem kumpelt Herr Elsässer, der sich alsChefaufklärer in Sachen NSU aufspielt, auch noch mit Karl-Heinz Hoffmann herum:ganz genau, mit dem berüchtigten Wehrsportgruppenhoffmann! Und gegen diesegrausige Figur haben wir Münchner spätestens seit dem Oktoberfestattentat 1980eine, im wahrsten Sinne: Mordswut auf dem Herzen.

Am letzten Montag hielt nun Herr Elsässer eine Rede bei der Berliner Montagsdemo.Er sprach sehr links und ausgesprochen völkerbindend, ja, wie ein waschechterAntirassist. Ich muss mich dann aber doch fragen, was da los ist, wenn derselbeMann am 19. Februar 2013 auf seinem Blog schrieb:

“Hilfe, die Roma kommen! Die wilde Einwanderungsflut bedroht die deutschen Städte.Ganze Roma-Dörfer kommen mit Sack und Pack und lassen sich in Elendsquartierenim Ruhrpott, in Mannheim und in anderen Städten nieder. Sprachkenntnisse: null.Arbeitsplätze: null. Was machen sie dann? Jeder weiß es.”

Ist er nicht doch ein Wolf im Schafspelz? Ich will wirklich niemandem Unrecht tun.Ich höre auch, dass Ken Jebsen dem Herrn Elsässer wegen dessen Homophobie sehröffentlichkeitswirksam die Luft aus dem Schlauch gelassen hat.

Ansonsten ist auch mir klar, dass in der aufgeheizten Atmosphäre dieser Tage laufend neueFeindbilder konstruiert werden. Das stört mich. Mir selbst wird vermutlich mitmeinem neuen Buch bald auch ein starker Wind entgegenblasen, da ich es wagenwerde, Spiritualität mit politischem Engagement zu verknüpfen. Und dann wird indem Buch auch noch der „Aufruf zur Revolte“ abgedruckt sein, den ich mit PrinzChaos II. geschrieben habe. Ich ahne jetzt schon, dass es bestimmte linkeHardcore-Kreise geben wird, denen allein schon bei dem Wort „Spiritualität“ dasKotzen kommt – sowie bestimmte bieder-bürgerliche Kreise, die bei dem Wort„Revolte“ an die Decke gehen.

So hat ein jeder auf seinem Feld sich zu beweisen und kann nur hoffen,Schulterschluss zu finden mit ein paar anderen – ohne den Falschen auf den Leimzu gehen. Und so kann ich auch diesen Text nicht mit einem abschließendenUrteil beenden, sondern nur mit der aufgewühlten Nachdenklichkeit, die anseinem Anfang stand.

Mit homophoben Rassisten für den Weltfrieden? Das kann nicht klappen. Ich will undwerde aber mit jedem und jeder zusammen für den Frieden, gegen Ausbeutung undfür eine bessere, würdigere Welt kämpfen, der und die ehrlichen Herzens ist.Ich wäre insgesamt sehr froh, wenn wir zu einer offenen und freundlichenAuseinandersetzung finden würden. Ich habe meine Bedenken unmissverständlichvorgetragen. Ich werde auch ohne Vorbehalte zuhören, wenn man gute Gründevorträgt, diese Bedenken zu zerstreuen.

Sehr gut gefällt mir ein kluger Beitrag des Rappers Kaveh, den ich auf der Seite“Die Freiheitsliebe” gefunden habe. Der junge Mann schreibt nach einer sehrfundierten Analyse über die Montagsdemos:

“… dass jedoch eher unpolitische bzw. politisch nicht klar einzuordnende Bürger undMenschen aus dem sog. verschwörungstheoretischen Spektrum es schaffen, tausendevon Menschen für Demos zu mobilisieren scheint relativ neu zu sein. Dahersollten sich Linke schon die Frage stellen und darüber diskutieren, ob sie indiesen mit dem politischen und wirtschaftlichen System unzufriedenen Menschennicht strategische Verbündete sehen sollten, anstatt sie zu dämonisieren?Natürlich vorausgesetzt, diese verfolgen keine rassistischen, homophoben,antisemitischen oder andere diskriminierende Meinungen und Ziele.”

Wenn Kaveh zu Recht meint, dass viele Linke keinen Systemwechsel wollten, weil siezu sehr mit den “transnationalen Konzernen, bürgerlichen Parteien undMainstreammedien” verbandelt sind, muss ich ihm trotzdem widersprechen. Michjedenfalls kann er damit nicht meinen. Ich bin nämlich durchaus der Meinung,dass nur ein Systemwechsel eine gerechtere Welt erschaffen kann. Und ich rufeweiterhin zur Revolte auf.

Euer Konstantin

PS: Wer übrigens der Meinung ist, mir wegen meines Zögerns vorwerfen zu sollen, ichwürde nur nörgeln und nichts machen, darf beruhigt sein: ich renne seit ichdenken kann selber auf die Straße – für Abrüstung, gegen denKososvo/Afghanistan/Irakkrieg, gegen die Münchner „Sicherheitskonferenz“ (dieeine Kriegskonferenz ist!), auf Anti-Naziblockaden in Dresden … und am 10. Maiwerde ich bei der Demo in München gegen das Freihandelsabkommen dabei sein.Also, keine Sorge: ich war und bleibe auch Aktivist.



Quelle: http://www.wecker.de/de/weckers-welt/start_entries/10/item/454-Gedanken-zum-Problemfeld-Riss-in-der-Friedensbewegung.html