Vor dem Faschismus steht der Kulturpessimismus

In Krisenzeiten erinnert sich die Gesellschaft gerne an vermeintlich verloren gegangene Werte. Werte, die so einfach erscheinen, wie eine Familie, die alles gemeinsam durchsteht, die immer miteinander ist und für einander da ist.
Ob dieser Wert in seiner idealisierten und romantisierten Form jemals als allgemeingültiger Wert bestanden hat, ist stark zu bezweifeln.
Scheidungen, häusliche Gewalt (unabhängig, ob sie vom Mann oder der Frau ausgeht), traurige Kindheiten, Beziehungsunfähigkeit und zerstörte Familien sprechen stark dagegen.
Die Sehnsucht der Menschen nach sozialer Gerechtigkeit , Frieden, Entwicklung und Zusammengehörigkeit ist der Antrieb einer Gesellschaft.
Dieser Antrieb wird zur Zeit bestimmt von Angst, Hoffnungslosigkeit und den Verlust von Orientierungspunkten, klar definierten Zielen.
In dieser Hoffnungslosigkeit und Angst finden sich die rechts offenen Menschen wieder.

Menschen, die auf die Komplexität der Gesellschaft - und die Entwicklung dieser - keine einfachen Antworten und kein Gehör für ihre Ängste und Sorgen finden.
Die Rechte schafft simple Antworten, die scheinbar einfache Lösungen versprechen.

Die Hoffnungslosigkeit, Angst und Unfähigkeit vieler Menschen, sich einzugestehen, dass sie vielleicht einen Fehler begangen haben oder dem Schwarz/weiß-Denken verfallen sind, lässt sie krampfhaft an Feindbildern und entmenschlichten Strukturen festhalten.

Fehlende Bildung, vor allem soziale Bildung, ist der Nährboden für Faschismus und Nationalismus.
Die Lücken dieser Bildung sind bis heute nicht geschlossen worden.
Es hat weder eine befriedigende Aufarbeitung des Nationalsozialismus gegeben, noch eine Aufarbeitung der DDR-Geschichte.
In unserem reichen und fortschrittlichen Land ist es bis heute nicht möglich, dass Kinder eine Ganztagsbetreuung erfahren, ein Recht auf Bildung haben - unabhängig von der ökonomischen Situation der Eltern.
Das gesamte Bildungssystem ist veraltet – es Bedarf keiner Reformation, sondern einer kompletten Erneuerung.

Wir müssen und können Werte schaffen. Wir hier in Deutschland haben die Möglichkeit, uns unserer brutalen Vergangenheit zu stellen und können die Möglichkeit nutzen, eine Gesellschaft zu formen, die sich ihrer Verantwortung bewusst ist.
Die Rechte versucht die Kriegsschuld Deutschlands zu negieren durch Geschichtsrevisionismus, Schaffung von Feindbildern bis hin zur Feststellung: 'Wir sind nicht schuld, an dem was unsere Großeltern verbrochen haben. Wir müssen dafür nicht mehr zahlen.'

Nein, wir tragen für die Taten von anderen nicht die "Schuld".
Schuld ist etwas Endgültiges, das durch Strafe abgegolten wird.
Wir tragen etwas viel Größeres – Verantwortung! Verantwortung ist die Verpflichtung, aus den Fehlern und Verbrechen der Vergangenheit zu lernen und dafür zu sorgen, dass sich ein Verbrechen, wie der Holocaust, nicht wiederholt.

Wir tragen die Verantwortung dafür zu sorgen, dass von Deutschland nie wieder ein Krieg ausgeht. Wir tragen die Verantwortung, dass in unserer Gesellschaft der Faschismus keinen Platz findet. Wir tragen die Verantwortung, uns dem gelebten Humanismus zu verpflichten.

Diese Verantwortung beinhaltet, dass wir keine Feindbilder benötigen, sondern uns an einem real existierenden Streben nach sozialer Gerechtigkeit und Frieden orientieren.
Es gibt palästinensische/israelische Friedensbewegungen und Freundschaften, die sich hinwegsetzen über Politik, Religionen und Kriegshandlungen. Sie stehen für humanistische Werte ein - frei von Feindbildern.
Es gibt amerikanische Soldaten, die offen bekunden, dass sie keine Kriegshandlungen mehr für ihr Land durchführen wollen, die nicht der Verteidigung ihres Landes dienen. Sie verweigern den Kriegsdienst.
Es gibt Unternehmer, die sich gegen die Ausbeutung von Menschen aussprechen und auch so handeln – auf ganzer Linie in ihrer Unternehmensführung.
Es gibt Iraner, die sich gegen Antisemitismus, die Scharia, die Diktatur aussprechen und ihr Leben dabei verlieren.

Wir tragen die Verantwortung, uns an denen zu orientieren, die keine Feindbilder benötigen, an denen, die dem Kapitalismus, Faschismus und Nationalismus keine Chance lassen.
Aus dieser Verantwortung heraus ist es unsere Pflicht, die Demagogen mit der Maske der "Friedensbringer" zu demaskieren.

Es ist an der Zeit, Kulturoptimismus zu erschaffen und den Nährboden des Faschismus zu verabschieden.
Aus diesem Grund kann und wird es keinen Deal mit Rechts geben, für keinen Humanisten dieser Welt.

Christiane A.

Foto mit freundlicher Genehmigung von Patrik Velicka