Thomas, Tim und Lena in Kartoffelland

 21/05/2014 von T. Raff

In Zeiten, in denen Antisemitismus wieder salonfähig geworden ist, können die  Montagsdemos von vielen offen zum Anlass genommen werden, um die „Zionisten“ aus der Stadt zu jagen. Nur dass man mich nicht falsch versteht: mit „Zionisten“ meint niemand die „Juden an sich“. Diese Absicht hat keiner der Friedensaktivisten. Aber es hat auch niemand die Absicht, eine Mauer zu bauen. In Berlin wird sich so oft von Antisemitismus und dergleichen distanziert, dass derlei Lippenbekenntnisse mittlerweile schon einen geradezu skurrilen Charakter bekommen haben. Derweil wird im Internet und unter den Mahnwachen-Besuchern der Demos so unverhohlen gegen Juden, Ausländer und Schwule gehetzt, dass einem schlecht wird. Natürlich alles im Namen des Friedens.

Russland ist wieder Freund. Vergessen sind die Angriffskriege gegen Afghanistan, Ost-Ossetien, Georgien oder Tschetschenien, in denen Mütterchen Russland hunderttausende Kinder, Frauen und Männer massakriert hat. Der neue Feind sind die USA und Israel. Ach, was sind einfache Weltbilder schön! Vergebens ist die Mühe einem Mahnwachenbesucher zu erklären, dass heutige Geopolitik komplexer ist, als die Struktur einer DNA-Helix. Thomas, Tim und Lena mussten das schon mehrmals erfahren. Lena zum Beispiel ist nämlich einer der mutigen Menschen, der sich persönlich vor die Mahnwachenbesucher stellt. Die sich, genau wie Thomas und Tim nicht verbiegen lassen und sich damit einer, auch körperlich, reellen Gefahr aussetzen.

Die letzte „Montagsmahnwache“ in Bonn fand am 17. Mai statt. Bezeichnenderweise an einem Samstag. Was Thomas, Tim und Lena erlebt haben, liest sich wie aus einem Bericht der Nazi-Pogrome. Sie wurde bedroht, beschimpft und körperlich angegangen. Ihren Bericht kann man hier nachlesen.
Es ist ein Bericht von den Dreien in Kartoffelland. Ein Land in dem „Nicht-Antisemiten“ Juden wieder erzählen wollen, was Antisemitismus ist, in dem einfache Weltbilder, verkehrte Wahrnehmung und Hass unter dem Deckmantel des Friedens unheilige Allianzen eingehen. Ein Land, das wieder einen Schuldigen hat. Hauptsache, es herrscht wieder Frieden im Land.

http://lenaschaut.wordpress.com/2014/05/18/pogromstimmung-oder-warum-der-jude-der-pole-und-die-araberin-nichts-in-kartoffellanden-verloren-haben/

Pogromstimmung, oder warum der Jude, der Pole und die Araberin nichts in Kartoffellanden verloren haben.

May 18, 2014 Lena

Am Samstag, dem 17ten Mai fand wieder eine sogenannte “Montagsmahnwache” statt. Von der bodenlosen Frechheit abgesehen sich des guten Namens dieser Demonstrationen zu bedienen, werden diese Demonstrationen nicht ohne Grund von allen Seiten abgelehnt.
Über die Demo vom 10ten wurde bereits alles geschrieben und gesagt.
Der Spaß fand dies Mal am Rathaus statt, da jede Woche die zionistische Freimaurerloge, rosa Flügel anwesend ist, muss es wohl auch jede Woche ein neuer Ort sein.
Es wäre ja zu einfach da zu bleiben, wo man sich nun eben befindet, nein man ist ja geradezu konspirativ! Soviel Kind muss man als Mahnwachler sein, jede Woche dasselbe alberne Versteckspiel spielen zu wollen.
Wer sonst nichts hat, dem sei es gegönnt, fast von Herzen.

Wenn da nicht die jüdische Weltverschwörung wäre, gekommen alles zu Schande zu richten! Immerhin muss man doch noch zugeben, dass eigentlich Frankfurt von den Rothschilds (einer privaten Familie!) kontrolliert wird und wir als BRD eine Firma sind! Aber so viel unantisemitisch. Peace Mann! Das wird man ja wohl noch sagen dürfen und ich sehe mich auch eher so als links an.

Glaubt ihr nicht? Wir auch nicht.

Als wir ankamen, war es uns fast peinlich eine Gegenbewegung zu sein. Ein ältlicher Herr suchte Mitglieder für sein Jugendparlament um von Bonn aus eine Weltregierung der Demokratie zu begründen und verteilte Rosinenbrot, sehr leckeres sogar. Auch am bonnschen Wesen darf die Welt genesen.

wir wollen weltkriegDiese sympathischen Menschen wollen Weltkrieg.

Eine Sekunde nur kam der Gedanke auf, dass gleich Sonneborn um die Ecke springt und sich königlich ernst für die europäische, friedliche Jugend begeistert.
Ein Reichsbürger frimmelte am Mikrofon umher und eine ältere Dame fragte, ob denn hier die jungen Menschen Gottesdienst feierten.
Fast schämten wir uns so sehr fremd, dass wir wieder gegangen wären, just in diesem Moment kamen die beiden Veranstalter auf uns zu marschiert.
Mit Liebe im Herzen und bunten Tüchern bewaffnet wurden wir geradezu in Freundlichkeit ertränkt. Während wir uns herzlich die Hände schütteln ließen und versprachen keine Straßenschlacht mit blutigem Ausgang vom Zahn zu brechen, sammelten sich auch ein paar weitere Zauberelfen.
Zugeben, Bonn ist immer noch nicht Berlin.
Jebsenjünger, frisch im Gewand der Predigt, beseelt von dem Wunsch ihrem Messias nahe zu sein, zumindest in Judenhass, Frauenverachtung und überhaupt der Hetze sind aber diese Woche auch endlich in der amtierenden Hauptstadt des Wahns gelandet. Inmitten von Pro NRW Marschierern, dem Wochenendmarkt, diversen Gegenveranstaltungen aller Etablierten und einer mitfeuernden Redeveranstaltung der Piraten,  soll die Liebe nun endlich auch in unseren Herzen landen.

bessere wahrheitUnd außerdem schwulen wir eure Kinder voll.

Fairerweise kann man der Aushilfsorga Bonn eine Menge unterstellen, angefangen bei Weltfremdheit, dem übermäßigen Konsum von liebesbefördernden Plätzchen, einer derartig peacigen Grundstimmung, dass Rainer Langhals Aggressionen bekäme und vermutlich alles kurz und klein schlüge, einer fast messianische Grundhaltung und viel zu wenig Ahnung von politischen, teilweise sehr komplexen Zusammenhängen. Mehr aber auch nicht. Tatsächlich haben die Jungens mehr etwas von zwei frisch geschlüpften Welpen, die nicht besonders viel Einfluss auf ihre Herde haben.

Dafür ist die tradierte Orga selbstverständlich streng auf dem Kurs derer, deren Namen wir gar nicht mehr nennen müssen, weil sie durch ihre sagenhafte Friedfertigkeit, Orthographie, Ehrlichkeit und Redlichkeit bekannt sind.

Nachdem die Welpen von dannen gedüst waren, ihre Schäfchen auf dem rechten Weg zu halten und Liebe zu verbreiten, marschierte polternd eine Gestalt auf uns zu. Groß, blond, grimmig, in den Augen die gerechte, völkische Empörung:
“FLAGGEN SIND HIER VERBOTEN! M****** mein Name!”
“Ja, für uns nicht. Was stört Dich an der Israelfahne, lieber M******?”
“Ich habe dieses blöde Video gesehen, ihr seid nur hier um UNFRIEDEN ZU STIFTEN! Was wollt ihr überhaupt hier? Und was fällt Dir ein Jebsen als etwas zu beschimpfen, was er gar nicht ist? Jebsen hat immer wieder gesagt, dass der Holocaust ganz schlimm war! Und was wollt ihr von mir? Ich war da nicht geboren, meine Schuld ist das nicht!”
“Sagt doch auch keiner, mein bester M******”
“DOCH! Wenn Jebsen ein Antisemit ist, dann bin ich auch einer! Und überhaupt, warum eine ISRAELFAHNE?! FAHNEN HABEN HIER GENAUSO WENIG WIE IHR ZU SUCHEN!!!! (Das einself spare ich mir lieber).”
Schließlich offenbarte uns der Beste, dass Israel ein rassistischer, nationalistischer Staat wäre und überhaupt die größte Semitenrasse, ja Rasse, seien die Araber. Wir sollen bitte in die Kamera sagen, dass alle orthodoxen Juden, die es wagten gegen Israel zu demonstrieren Antisemiten wären, er wolle das veröffentlichen.
“Denn ich kenne Menschen! Nachts lese ich Bücher über Psychologie. Ich weiß genau, was Du willst, was ihr alle wollt. Nichts als hetzen! Ihr Spalter! Ich durchschaue euch, ich habe Menschenkenntnis!”

Soweit, so gut. Das Jünglein könnte fast putzig in seinem Wahn sein, wäre nicht um diese Zeit schon längst der Mittagsschlaf angebracht und das Bäuerchen.

Endlose Wiederholungen der Selbsthilfegruppe Bonn begannen, tatsächlich hatte es fast Charme. Entspannt auf dem Friedenstuch zu sitzen, ganz viel Liebe entgegengebracht zu bekommen und Rosinenbrot zu futtern, hat fast was. Eingekuschelt in der Fahne, mit der besseren Wahrheit und der kostenlosen Unterhaltung.

“Wir werden unterdrückt! Wir werden gezwungen zu atmen. Wir werden gezwungen zu leben! Wir werden dazu gezwungen.”
“Wer im Glashaus sitzt, der kann jetzt so echt nicht mit Steine nach uns schmeißen, ne ey.”
Wenn man nicht wüsste, dass das deren völliger Ernst ist. Trotzdem wurde man fast vergnügt dabei.

Dann kippte in einer halben Minute alles. Unser ganz besonderer Freund, wir tauften ihn Blondie, stiefelte nach vorne. Der Mann schien sich tatsächlich alle Wahnvideos seiner Vorbilder angesehen zu haben und war vermutlich noch wirkungsvoller. Während sich andere Gestalten immer mehr demontierten, wirkte dieser blonde, blauäuige Jüngling doch tatsächlich wie ein Kämpfer der entrechteten Volksgemeinschaft.

Er begann von gewissen Leuten zu sprechen, von Unfriedlichen, von Spaltern, von der Antisemitismuskeule, davon, dass er alle Regierungen dieser Welt ablehne, dass man sich doch hier nicht als Antisemiten beschimpfen lasse! Man wäre alles, aber Antisemit, oder rechts? Frieden, das sei es! Front dagegen. Dicht an dicht “die Fahne hoch”. Das Klima kehrte sich ins bösartige und die Menge empörte sich im gerechten Zorn des Volkskörpers. Die Augen glasig, hasserfüllte Mienen, die gesamte Atmosphäre wie umgedreht. Man wird doch wohl noch!

Normalbürger. Viele, im Vorbeigehen angezogen von dem brüllenden Blondie am Mikrofon. “Ist hier etwa einer rechts? Ist hier ein Rechter!” Zurück schreit der Volkskörper wie ein Mann: “NEIN!”
Na, wunderbar. Gut, dass wir drüber geredet haben. Die Stimmung, dieser kurze Moment der Schwebe, unbeschreiblich. Du siehst es, Du spürst es. Plötzlich ist es eine geifernde Meute.
Du bist hilflos, Du spürst nur noch, dass Du der Feind bist. Den Hass in den Gesichtern, der gerechte Volkszorn bricht sich auf.

Wir versuchten noch dagegen anzureden. Zwecklos, wirklich zwecklos. Während das Fräulein Vorstand der zionistischen Freimaurerloge auf die Bühne kletterte und versuchte zu retten, was nicht zu retten war, näherten sich die ersten, ganz langsam.

Mehr will das besagte Fräulein auch jetzt eigentlich nicht dazu schreiben. Der Jude, der Pole und die Araberin sahen zu, dass sie verschwanden. Wünschen keinem, einmal so die Stimmung umschlagen zu sehen.

Nächste Woche wieder.
Bis dahin!